reizender Fund in einem Bücherschrank – Liebeskorrespondenz unter besonderer Berücksichtung der gesellschaftlichen Sitte und des feinsten Taktes
Beispielbrief aus dem Kapitel – Die Korrespondenz zwischen Liebes- und Brautpaaren aus dem Jahre 1911 (Emanzipation früher und heute)
Lieber Paul!
Ich muss mich heute in einer sehr ernsten Angelegenheit an dich wenden, die mein Herz ganz unsagbar beschwert. Meine Mutter hat zufällig erfahren, dass du vor etwa zwei Jahren Beziehungen zu einem Mädchen aus gutem Hause unterhalten und diese abgebrochen hättest, trotzdem sie ziemlich weit gediehen gewesen wären. Das betreffende Mädchen soll dadurch nicht nur in ihren Empfindungen, sondern auch in ihrer Ehre geschädigt worden sein. Lieber Paul, du kannst dir denken, wie unliebsam ich durch diese Mitteilung überrascht bin. Meine Mutter nimmt diese für bare Münze und macht mir jetzt den Vorwurf, dir zu viel Vertrauen geschenkt zu haben. Ich aber will noch der Hoffnung Raum geben, dass der wahre Sachverhalt vielleicht denn doch anders liegt. So, dass ich an deinem Charakter nicht zu zweifeln brauche. Aber trotzdem würde ich mich durch diese Sache noch immer sehr bedrückt fühlen, und zwar dadurch, dass du mir nicht selbst Mitteilung von diesen bestandenen Beziehungen gemacht hast. Es beschämt mich unendlich, erst auf Umwegen davon zu hören. Hätte ich den wahren Sachverhalt durch dich gewusst, dann wäre ich vielleicht imstande gewesen, meiner Mutter in Wahrung deines Ansehens entgegenzutreten. Dass ich von dieser Sache gar nichts wusste, war für die Mutter eine Art Beweis dafür, dass die ihr zugekommenen Mitteilungen auf Wahrheit beruhen.
Nun dringe natürlich auch ich darauf, dass du mich mit dieser Angelegenheit ganz genau bekannt machst und bitte dich inständigst, mir nichts zu verschweigen. Paul, so sehr ich dich liebe, kann ich dir den schweren Vorwurf nicht ersparen, mir diese Beziehungen verschwiegen zu haben. Und noch etwas muss ich dir sagen: Selbst meine innigste Liebe würde nicht hinreichen, um mich die Frau eines Mannes werden zu lassen, der an einer anderen unschön gehandelt oder sie gar unglücklich gemacht hat. Und so bitte ich dich um die volle Wahrheit. Auch wäre es mir sehr lieb, von dir den Namen des betreffenden Mädchens zu erfahren. Wie froh wäre ich, wenn du gerechtfertigt dastehen würdest! Dann würde ich versuchen dir zu verzeihen, dass du mir etwas aus deinem Vorleben verschwiegen hast. Aber solange ich von dir keine vollkommen beruhigende Aufklärung habe, ist meine Seele ein Spielball quälender Sorge. Also antworte umgehend deiner dich in Ungeduld verzehrenden Wilhelmine

Wie würde dieser Brief der Wilhelmine heute im Jahre 2024 aussehen? Um umwerfend ehrlich zu sein, möchte ich mir das jetzt nicht ausmalen. Ich habe ein paar weitere Zeilen in diesem Buch gelesen und es hat etwas in mir bewegt. Ich würde mir wünschen, dass ein klein bisschen dieser Wortwahl und Formulierung wieder an aktiven Gebrauch zunimmt. In einer Zeit, in welcher die Gesellschaft immer mehr verroht. In einer Zeit in der Frauen mittleren Alters (Mütter, Ehefrauen, Katzenmamas und viele andere Konstellationen) in Internet und auf der Straße wüten, mit Worten und Sätzen, wie ich sie hier nicht ein einziges Mal wiedergeben möchte. Wenn wir vielleicht jetzt und hier ein bisschen in Ruhe in uns gehen, spüren wir eventuell ein bisschen von diesem Flair, diesem Niveau, dieser Ehre und dieser Anmut. Seid mutig wieder ein bisschen mehr Sanftheit und Liebreiz euren Partnern gegenüber an den Tag zu legen. Viele werden es euch danken. Euch allen einen schönen liebevollen Abend.
