Wir leben aktuell in einer Zeit der Parallelen, fließenden Übergänge und Überschneidungen. Vieles vermischt sich, wirbelt durcheinander und zeitgleich versuchen wir uns zu sortieren, Strukturen zu erarbeiten, an welchen wir uns orientieren können. Dabei verlieren wir oft den Bezug zu Sinnlichkeit, Entspannung und dem Einfach Sein.
Generationenübergreifend stecken wir in einem Mühlenrad der 1000 Einflüsse fest. Immer den Fokus auf Kontrolle und Perfektionismus ausgerichtet. Wir tun uns leicht damit andere zu beobachten und zu bewerten, weil dies von unserem eigenen Sein ablenkt.
Wir geben und wir nehmen uns nichts. Dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied. Die jungen Menschen haben Jahrzehnte vor sich, Jahrzehnte im Berufsleben, Jahrzehnte als Partner, Jahrzehnte als Eltern, während wir nach Jahrzehnten der Partnerschaften, Arbeitsjahre und Elternjahre langsam und sanft in die Zuschauer- und (wenn gewünscht) Ratgeberposition treten sollten.
Man muss unfassbar vorsichtig mit Äußerungen bezüglich eigenem Handeln und Denken sein, denn sehr schnell fühlen sich Menschen, obwohl sie körperlich und geistig ausgelaugt sind, aufs Abstellgleis verbannt. Nicht müde werdend wiederholen sich Mantras wie: „Ich bin so froh, wenn ich meine Ruhe habe“ zeitgleich mit: „Man meldet sich überhaupt nicht mehr bei mir.“ Ambivalenz ist das Credo unserer Generation und zwar nahezu in allen Belangen. Zu schnell geht man in Gesprächen in die Wertung.
Viele Reibungspunkte innerhalb der Familie/Partnerschaft können ein starker Faktor sein um Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen in ihrer Intensivität und in ihrem Ausbruch zu beschleunigen.
Oft handeln Angehörige aus der eigenen Angst, Unwissenheit und Verzweiflung heraus gereizt und fordernd. Man versucht das eigene Lebensmodel dem Betroffenen überzustülpen, in der Hoffnung, dass es greift und der Zustand sich so nicht verschlimmert, vielleicht sogar verbessert. Dabei vergisst man schnell wie viel Luft und Freiheit man selbst benötigt um zufrieden und gesund das Leben zu leben, welches man sich aufgebaut hat.
Dieses Handeln kann in manchen Fällen sogar Früchte tragen. In den meisten Fällen jedoch verschlechtert es den Zustand des Betroffenen.
Wir alle ohne Ausnahme leben in unterschiedlichsten Verbunden zusammen. Familie, Beziehung, Wohngemeinschaft, Arbeitsumgebung, Verein usw.
Würde jeder, welcher in seinem Umfeld eine in einer psychischen Krise befindliche Person hat, umgehend Unterstützung und Rat bei ebenfalls betroffenen Angehörigen (Selbsthilfegruppen, Ansprechpartner für Angehörige in Kliniken, Krisendienste) suchen, könnten wir eine hohe Prozentzahl an akuten Einweisungen vermeiden und/oder strukturierter und für den Betroffenen entlastender agieren.
Es bestünde die Möglichkeit sehr viel mehr Präventivarbeit zu leisten und somit aufkommende Krisen früher und besser zu erkennen. Je mehr Psychoedukation stattfindet, desto besser kann man reagieren.
Wir haben mittlerweile ein gutes Netz an psychosozialen Diensten, welche auch Gott sei Dank vermehrt in Anspruch genommen werden. Oft geschieht dies aber immer noch viel zu spät.
Es bedarf noch viel mehr Akzeptanz in unserer Gesellschaft für psychische Krisen und Erkrankungen. Der Scham Angehöriger ist oft viel zu groß, um sich frühzeitig Unterstützung und Rat zu holen. Oft muss es erst zu einem akuten Ausbruch der Erkrankung kommen, bis der Handlungsdrang so stark ist, andere Personen, unterstützende Dienste, Selbsthilfegruppen oder Ansprechpartner in Kliniken und Gesundheitseinrichtungen zu kontaktieren.
Wir arbeiten auf Hochdruck daran diese Situation zu verbessern. Nutzen Sie die Möglichkeit und kontaktieren Sie entsprechende Stellen frühzeitig, um präventiv informiert und angemessen handeln zu können. Das entlastet die in den meisten Fällen eh schon sehr stark angespannte Situation zu Hause enorm.
Auch erkrankte Menschen können ihre eigene Situation zuhause verbessern, indem sie den Angehörigen darum bitten, sich intensiver mit dem Krankheitsbild zu beschäftigen und dementsprechend Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.
In akuten Phasen zögern Sie nicht den Krisendienst Oberfranken zu kontaktieren. Jeder Anruf wird beantwortet, falls besetzt, sprechen Sie bitte auf den Anrufbeantworter. Telefonnummer ist die 0800 655 3000
Gerne können Sie auch die Ansprechpartnerin für Angehörige bei der GEBO Oberfranken unter der Nummer 0921 283 2090 kontaktieren. Hier ist ein zeitnaher Gesprächstermin für Angehörige von psychisch erkrankten Menschen möglich.
