Eine Betroffene erzählt:
Weihnachtsstress haben wir schon lange abgelegt. Bei uns gibt es keine Geschenke. Keinen Stress. Vorher am 24. wird morgens unsere „Krücke“ aufgehübscht, angezogen und geschminkt. Es ist der hässlichste Naturbaum, welchen niemand haben wollte, und den man am 24. morgens noch kaufen kann. Oft nur mit ein paar Ästen und ein bisschen kahl, eben wie eine Krücke.
Wir kaufen uns ein Familienspiel und spielen dies zusammen an den Feiertagen. Einmal gehen wir in die Kirche und am 1. Feiertag sind Verwandte bei uns eingeladen zum Gansessen. Das ist der einzige sogenannte Feiertagsstress. Ich finde genügend Zeit zum lesen.
Nach Grau kommt Himmelblau, das Mut-Macher Buch über Depression. Ist echt gut!
Zeit für lange Spaziergänge mit unseren Hunden. Zeit für Mann und Sohn. Ich genieße die Zeit, weil ich noch nicht arbeiten muss.
Was mir Mut macht, wenn mir die Worte fehlen, ist dieser Spruch
„Es gibt zwar unzählige Sprachen aber ein LÄCHELN versteht jeder.“
Ein Betroffener erzählt:
Wir werden unsere Weihnachtstage gemeinsam gestalten und in unserer WG zusammen kochen, essen und aufräumen. Während der ganzen Zeit reden wir miteinander und erzählen uns Geschichten. Ich träume dann auch von meinen Enkeln, die ja immer im Herzen bei mir sind und die ich vorher noch besuchen werde. So brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten, einsam und alleine unserer Traurigkeit ausgeliefert zu sein. Schon jetzt freue ich mich darauf.
Wir backen jetzt schon Lebkuchen und Plätzchen. Und ich als Betroffener spüre dabei gar nicht so die Abhängigkeit vom Medikament und die Zeit als Drogensüchtiger liegt weit hinter mir. Das wünsche ich mir für all die Leidensgenossen, die noch gefangen sind und vielleicht frierend, ohne Geld, irgendwo auf der Straße bettelnd auf das Weihnachtsfest zutorgeln.
Wenn wir unsere Energie, die wir für Vergangenes, für Verlust und Versagen, für Verletzungen, Angst, Misstrauen und Zorn aufwenden; Wenn wir diese Kraft liebevoll für und in uns selbst investieren, dann ist schon mal viel Energie aus der „Negativ Spirale“ raus und die Fata Morgana “ Weihnachtsblues“ verschwindet genauso flux. So wie eben eine Lichtspiegelung nur durch das Spiel von Irrlicht, Schatten, Luft und der eigenen Phantasie ins Nichts verpufft.
Wir sind hier und jetzt sicher, geborgen und inmitten unserer Freund zuhause gut aufgehoben. Genau das haben wir uns auch verdient. In Dankbarkeit weihen wir diese Zeit unserer Heilung. Wir feiern und genießen unserer leckeres Essen. Ein Fest der Freude, Liebe, Wärme und Freiheit in Friede und Wohlbefinden.
Danke dir lieber Michl für diese sehr berührenden Worte. Ich wünsche dir in deiner WG eine wundervolle Weihnachtszeit.
Ein Betroffener erzählt:
Servus, ich bin R. und Alkoholiker. Ich danke Gott für 24 trockene Stunden. Dass ich wieder trocken wurde, verdanke ich vielen Menschen und Einrichtungen. Meine Maxime ist: „Lass das erste Glas stehen.“ Ich denke, ohne Hilfe von außen wird man es nicht schaffen. Ich habe es geschafft und ich bin allen dankbar, die mich dabei unterstützt haben. Das war sicherlich nicht einfach. Aber man stelle sich vor: „Nur für heute, nur für 24 Stunden trinke ich keinen Alkohol.“ Es funktioniert aber nur dann, wenn du den Willen und die Kraft aufbringst es zu vollziehen. Weihnachten steht vor der Türe. Ich genieße das Fest mit Familie und Freunden. Aber dazu brauche ich keinen Alkohol mehr. Denke daran, ein Leben ohne Alkohol kann so schön sein. Du hast keinen Zwang mehr deine Sucht zu leben. Probier es einfach aus. Leben wird wieder lebenswert. Sicher!
Heute haben Betroffene gesprochen. Ihre Worte berühren mich sehr, da ich sie alle persönlich kenne und so sehr in mein Herz geschlossen habe, weil sie einfach wundervolle und unfassbar wertvolle Menschen sind. Sie alle haben ein riesengroßes Herz am richtigen Fleck.
Dazu fällt mir gerade unser Walk & Talk ein, welcher eigentlich einst als einmaliges Event geplant war. Es war ein Aktionstag im Mai 2023. Dann hatte die SEKO Bayern die Idee im Herbst den Walk & Talk ins Leben zu rufen. Für uns hier in Bayreuth war schnell klar. Wir bleiben dabei. Wir hatten so viele wunderschöne Erlebnisse seit nun mehr über einem Jahr. Wir sind bei Wind, Regen und in knalliger Hitze losgewalkt und wurden dabei nie müde zu talken. Anschließend hat es sich etabliert, dass wir noch für ein Stündchen gemütlich zusammensitzen. Es läuft mit wer Lust und Laune hat. So hat sich ein buntes Grüppchen aus meist 12 bis 17 Personen gebildet. Manchmal kommen einfach nur Interessierte, welche durch die Medien davon erfahren hatten, dazu. Manchmal laufen Patienten mit, und oft einfach aus den unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen je 3 bis 5 Teilnehmer. Wir von der Angehörigengruppe sowie unsere Alex von der Selbsthilfeunterstützungsstelle sind fester Bestandteil des Walk & Talks. Nächsten Mittwoch findet er für dieses Jahr zum letzten Mal statt bevor wir in die Weihnachtspause bis Januar gehen. Jeder, welcher Lust hat ist herzlich eingeladen. Für mehr Details schreibt mir einfach.
Für mich persönlich ist diese Zeit des Jahres die schwerste und zugleich auch die schönste Zeit. Ich liebe das Lichtermeer, Lebkuchen, Kitschfilme, Weihnachtsmusik und all die Gerüche von Zimt, Sternanis, Vanille und viel mehr. Und obwohl ich zu dieser Zeit einer der einsamsten Menschen in meinem Umfeld bin, bleib ich ganz fest bei mir und lass mich niemals brechen oder entmutigen, stets für all die Menschen da zu sein, welche es sich wünschen, dass ihnen jemand einfach zuhört, versucht zu verstehen und euch alle genau so nimmt wie ihr alle seid. Jeder auf seine Art etwas ganz Besonderes. Ich werde an meinem Weihnachtstraum festhalten und wenn ich weiterhin ganz fest daran glaube, dann wird er sich auch irgendwann erfüllen. Ich bin da, wenn es soweit ist.
Wir lesen uns beim Teil 3.
