Ein Dialog verschafft Einblicke und lädt zum Nachdenken ein. Selbstverständlich war es der Wunsch meiner Bekannten, dass ich unser Gespräch in dieser Form hier zitiere. Definitiv lege weder ich noch sie fest, wann jemand erkrankt ist oder nicht. Jeder Fall, jede Thematik, jeder Mensch ist individuell und sollte auch differenziert betrachtet und behandelt werden. Vorab möchte ich mir wünschen dürfen, dass wir alle lieber einmal mehr als zu wenig einen uns nahestehenden Menschen, welcher die Nähe und den Kontakt zu uns sucht in den Arm nehmen und Verständnis und Geduld entgegenbringen, als einmal zu wenig. Selbstlose Liebe und Zuneigung ohne Forderungen können nicht falsch sein.
Das Telefon klingelt und eine gute alte Bekannte begrüßt mich vom anderen Ende der Leitung mit den Worten: “ Sag mal hast du ne Minute? Ich bräuchte deinen Rat, denn ich weiß nicht, ob ich langsam durchdrehe oder mein Umfeld!“
Es war ok. Ich hatte Zeit und bat sie einfach zu erzählen……
Um im Flow zu bleiben, schreibe ich hier ihre Erzählungen ohne meine Zwischenfragen oder Antworten fließend durch bis zum Schluss.
„Mindestens 2/3 der Menschen aus meinem Umfeld sind depressiv, bipolar, haben narzisstische Partner oder Angehörige, haben ADHS oder Borderline, ein Burn Out oder Autoimmunerkrankungen, welche sie mir als Folge ihrer psychischen Überbelastung und/oder Instabilität erklären.
Sehr viele Unterhaltungen im Job, nachmittags beim Kaffee oder abends auf der Couch mit meinem Mann drehen sich um Krank oder gesund, wer hat was wann wie lange schon, wie stark usw.
Was macht das mit mir? Bis vor ein paar Tagen hatte ich eigentlich das Gefühl selbst stabil und stark mit beiden Beinen und meinem klaren Kopf im Leben zu stehen.
Dann kam ein Anruf eines sehr guten Freundes von mir. Er war stationär und stellte mir die Frage, ob es für mich möglich wäre ihn zu besuchen. Selbstverständlich war das möglich. Ich zögerte keine Minute, fragte ihn, wann und wo und dass ich da sein werde.
Bis zu diesem besagten Besuchstermin stellte ich mir viele Fragen. Und stellte dabei für mich selbst ganz klar fest, dass ein unstetes Gemüt noch lange keine bipolare Störung sein muss. Wütend sein bedeutet nicht, dass man cholerisch wird. Ich wollte mich voll und ganz einlassen auf meinen sehr guten Freund. War mir sicher, dass er da nicht hingehört in diese Klinik.
Als ich dort ankam, war ich positiv überrascht. Ich hatte mir so eine psychiatrische Einrichtung ganz anders vorgestellt. Es war hell und bunt, mit vielen Pflanzen und bunten Bildern. Die Mitarbeiter begegneten mir freundlich und ausgeglichen, so gar nicht gehetzt und ausgelaugt, wie man es immer erzählt bekommt. Die meisten Patienten, welchen ich während meiner Warte- und Besuchszeit begegnet bin, wirkten gar nicht so verrückt. Dennoch waren ihre Blicke oft leer oder etwas abgewandt.
Als ich meinen guten Freund begrüßte, wirkte er für mich sehr deplatziert. Ich hatte mich auf einen blassen und ebenfalls leer daher blickenden Tom eingestellt. Dem war gar nicht so. Er wirkte frisch geduscht, mit gestylten Haaren und so angezogen, als würden wir gleich ein Meeting haben. Ich war sehr gespannt, was er mir berichten würde.
Wir liefen schweigend zur Cafeteria der Klinik und ich dachte mir, ich lass das mal jetzt so stehen. Er wird schon einen Grund für seine Stille haben. Im Café angekommen frage ich ihn nach dem Getränk seiner Wahl. Lange sieht er mich an und starrt dann auch irgendwie ins Leere. Irgendwann gab er zu bedenken, dass er gerade nicht wüsste, was er trinken möchte. Ich war etwas irritiert und gab zu bedenken, dass er doch eigentlich immer Kaffee schwarz trinkt. Darauf gab er zu bedenken, dass seine Therapeutin ihm nahegelegt hatte, dass er sich für Entscheidungen Zeit nehmen solle. So saßen wir gefühlt eine Stunde am Tisch, bis er sich für ein Getränk entscheiden konnte.
Mein Verständnis für diese Situation hielt sich in Grenzen, denn ich hatte das Gefühl, dass er bis zu dem Zeitpunkt, wo er vermittelt bekam sich Zeit zu lassen ein Mensch war, welcher kein Problem damit hatte Entscheidungen ad hoc zu treffen.
Ich begann innerlich wütend zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass er seine Krankheit dafür hernahm nicht mehr greifbar zu sein. In meinem Kopf hatte ich das Gefühl, Tom würde sich einer Diagnose anpassen, damit er immun gegen Kritik oder Meinungen sein würde. So hatte er also nun Entscheidungsschwierigkeiten.
Ich musste sehr darauf achten ihn nicht doof anzugehen, denn sein komisches Zögern sich für ein Getränk zu entscheiden, was vorher nie der Fall war, ging mir gehörig auf den Zeiger. Ich dachte mir, als wir da so schweigend saßen, dass es ja wohl nicht wahr sein kann, dass er sich durch diesen Klinikaufenthalt hier so einfach aus dem Alltag zieht, so gut und gesund wie er aussieht. Während vor meinem inneren Auge schon mein Terminkalender für den morgigen Tag mit all seinen Verpflichtungen erschien, saß mein guter, alter Freund Tom da und schien entspannt vor sich hin zu sinnieren. Warum sollte ich ihn denn besuchen kommen? Um hier zu sitzen und sich bei der Wahl des Getränks gefühlt 1 Stunde Zeit zu lassen.
Während ich also mit ihm am Tisch sitzend meinen Tag und meine Woche durchplante, hat er sich also einfach durch die Diagnose aus dem Rennen genommen. In eine entspannte Gedankenwelt verzogen.
Ich wollte ihm nicht vorwerfen mir hier etwas vorzuspielen, denn ich hatte schon das Gefühl, dass es ihm gar nicht gut ging, so still wie er war. Aber tut es das nicht in unser aller Leben mal. Ich stellte mir gerade vor, wir alle würden uns diagnostizieren lassen und in eine Klinik begeben. Wer sollte dann noch den Lebenszielen hinterherhechten?
Seine Diagnose gab ihm sozusagen die Berechtigung für sein Zögern und Schweigen, während ohne Diagnose man nur als Versager(in) oder faul betitelt würde. Ich wage sogar zu behaupten, dass es sehr vielen Menschen oft nicht super gut geht. Mittlerweile kennt nahezu jeder Begriffe wie Psychoedukation oder Elektrokrampftherapie. Ich kenne nahezu keine Person, welche keine zeitweilige Thematik mit Essstörungen aufweisen kann. Bei Treffen mit Freunden werden Medikamente wie Tavor und Citalopram ebenso selbstverständlich diskutiert wie Rezepte und Urlaubserlebnisse. Mittlerweile sind psychische Krisen ebenso normal wie ein Virus.
Nach unserem Cafeteria Sit in, spazieren wir über das Klinikgelände. Ich frage zögerlich nach, was er nach dem Klinikaufenthalt vor hat. Und bekomme ziemlich schnell die Antwort, dass er das noch nicht wüsste und momentan auch nicht wissen muss. Ich hake nochmal nach, weil sich mir dieses Denken nicht erschließt und meine, dass er doch wissen müsste, was er will. Er erklärte mir, dass dieses aktuelle nicht wissen ein Symptom seiner Erkrankung ist und er sich nun erst mal um sich selbst kümmern müsste.
Mein Kopf rattert. Um sich selbst kümmern, glücklich werden, selbst verwirklichen. Wie soll das funktionieren bei all den Pflichten, welche wir als privilegierte Mitteleuropäer mit auf den Weg bekommen haben. Wir sind dazu konditioniert einen Job zu haben, eine Familie zu gründen und gesellschaftsgenehmen Hobbies zu frönen. Ist das jetzt dann nötig, dass wir eine Depression, Borderline, ADHS, Manie, Psychose etc. annehmen, damit wir eine Pause einlegen können.
Ist es nicht normal mit Langeweile, Müdigkeit und Verzweiflung sowie Berufsdruck und Familiendramen klar zu kommen? Ist es nicht so, dass jeder den Job verlieren kann, die Eltern irgendwann gehen, die Partnerschaft in die Brüche geht, Kinder andere Wege anstreben?
Ich denke mir in diesem Moment, dass all dieses Diagnostizieren darauf abzielt einen Idealzustand als Normalzustand zu etablieren.
Somit geben wir unserem Nicht erreichen des „Idealbildes“ (was immer das auch ist, und wer auch immer das festlegt) einen Namen. Fast täglich fragen wir mittlerweile die KI nach Symptomen, welche selbstverständlich dann ALLE auch auf uns zutreffen.
Schnell, und dazu durch Aussagen aus unserem direktem Umfeld deklarieren wir einen Teil unserer Persönlichkeit zu unserem Feindbild.
So ist ein Teil unserer Persönlichkeit nun eine Krankheit, welche es gilt zu bekämpfen und zu zähmen. So kommen wir ganz selbstverständlich zu den eingangs bereits erwähnten Punkten, dass schnell ein unstetes Gemüt eine bipolare Störung nach sich zieht. Und schon haben wir eine Benennung für das Unangenehme, eine Erklärung für fieses Verhalten, oder berufliches Hadern.
In dieser vermeintlichen Komfortzone, welche aus der irritierenden Annahme heraus geboren wurde, dass DAS Gesunde die Norm ist, und jene, welche NICHT glücklich, krank sind.
Das Non plus Ultra für mentale Gesundheit ist der Typ Mensch, der singend den Haushalt wuppt, mindestens 40 Stunden pro Woche malocht und beliebte Nachkommen zeugt, welche Ballettstunden oder klassische Musik lieben. Er stellt der KI nicht die Frage ob ADHS oder Borderline krasser ist, sondern wie man am besten das alte Familienerbstück restauriert.
Wenn allgegenwärtige Glückseligkeit der Maßstab aller Dinge bleibt, werden wir zukünftig nahezu alle mental erkrankt sein. So sind wir aktuell schon an dem Punkt, dass wir die Menschen als krank betiteln, welche nicht mindestens einmal im Leben eine depressive Phase durchleben, und wenn sie nicht mindestens einmal einem Burn-Out nahe kommen, verschließen sie mit Sicherheit die Augen vor dem wahren Leben.
Aktuell handhaben ein Teil der Bevölkerung diese immer schneller und unverständlicher werdende Welt, in welcher beinahe jeder mal zu wenig schläft oder trinkt oder sich mit fremden Leuten im Netz oder beim Einkauf über Politik oder Klima streitet, mit dem Einnehmen von kleinen Mittelchen aus der Bachblüten oder Nahrungsergänzungsmittelfraktion. Man nimmt sich eine kleine Auszeit bei einer Reha, vollzieht die ein oder andere Therapie und weiter geht es im Takt, denn es muss ja!
Während wir weiter durch das Klinikgelände spazierten, sagte mir Tom nahezu auswendig die Liste seiner Symptome auf, welche bei seiner diagnostizierten Erkrankung auftreten würden. Noch vor ein paar Monaten berichtete er vorzugsweise Ausschnitte aus seinen Büchern, welche er gerade las.
Der Wunsch ist ja meist, dass es wieder so wird wie es war, oder dass es irgendwann in naher Zukunft wieder weitergeht, dort wo es aufgehört hat, das Leben, bevor man in die Klinik ging.
Ich wusste ich muss mit jemandem sprechen, welcher meiner eigene nun stark vorhandene Verwirrtheit wieder hilft zu sortieren. Ich schwankte zwischen Wut auf Tom und starkem Mitleid, weil er so gar nicht mehr mein Tom war, wie ich ihn kannte.
Kannst du mir erklären, ob er wirklich zurecht dort ist, oder ob ich selbst einfach nur hilflos einer für mich schwierigen Situation gegenüberstehe, welche ich aktuell nicht beeinflussen oder steuern kann?“
Ich versuchte vorsichtig anzusetzen:
Krankheit beginnt mit Leiden. Somit ist eine Krankheit keine Entschuldigung für etwas, was man nicht mehr tut, sondern es zeigt einen Leidensweg auf.
Der Irrtum bei der Denkweise, dass jeder welcher nicht in der von einem Gesellschaftssystem vorgegebenen Norm funktioniert, krank ist, ist immens. Denn hierbei geht man ja davon aus, dass es krank ist, sein Leben nicht in ORDENTLICHEN Bahnen zu lenken.
Man sieht eine monogame Partnerschaft nicht als schwierig an, sondern bekommt das Wort Bindungsgestört erklärt.
Man kommt nicht auf die aberwitzige Idee, dass generell Karriere machen ein leicht abstruser Wunsch ist, sondern sieht sich selbst als schlichtweg zu schwach dafür an.
Fehler sucht man in erster Linie bei einem selbst, versucht diese zu korrigieren, sich selbst zu optimieren und weiter geht es.
Die Idee sich aus so genannten „Krise“ rauszuboxen, mag richtig sein; die dafür benannte Bezeichnung Krankheit aber oft eine falsche, da dieser Idealtyp an sich schon eine Farce darstellt. Ständiges Glück ist schlichtweg nicht möglich und dessen Abwesenheit somit eben nicht gleich eine Erkrankung. Mit dieser meist viel zu schnellen Betitelung „Krank“ von Menschen aus dem eigenen Umfeld, welche nicht so funktionieren, wie man es für sich selbst auferlegt oder auch einfach lebt, schlägt den schwer erkrankten Menschen, welche einen immensen Leidensweg durchwandern mitten ins Gesicht.
Eher ist es als krank zu betiteln, folgt man der Denkansicht, dass wirklich alles immer ok ist, das Leben in einem ruhigen Fluss dahinfließt wie ein meditativer Gebirgsbach und alles was dem abweicht, benötigt eine Stempel mit dem Namen Krankheit und Therapie.
Man unterstellt ja auch keinem immer Glücklich daherkommenden Menschen eine Manie und fragt sich was da bei ihnen schiefläuft. Sollte man mal tun. Dann würden sie nachempfinden können wie sich das so anfühlt mit einer einer gestellten Diagnose.
Vergiss nie. Solltest du als Angehöriger das Empfinden haben, dass derjenige sich rausnimmt, während du weitermachen MUSST. Sei dankbar, dass du es kannst und triff auch du deine Entscheidungen, dass das auch so bleibt. Man sollte nicht jeden Menschen gleich als krank betiteln und dennoch wissen, dass der Weg in eine Klinik kein einfacher war und somit kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass wenn man einen nahestehenden Menschen dort besucht, dieser nicht den Anspruch hegt, sich dort mal eine kleine Pause zu gönnen.
Ich kann dir versichern, dass deine Gefühle völlig ok sind du alles Recht der Welt hast über deinen Besuch und die damit einhergehende Thematik der psychischen Erkrankung niemals eine lapidare und einfache ist.
Pass gut auf dich auf. Nimm dich öfter mal raus aus dem Hamsterrad und bleib verrückt, denn das ist völlig normal, solange du oder andere nicht darunter leiden.
Eure
Sue Freund
