Manche Monate sind so randvoll gefüllt mit Fortbildungen, Netzwerktreffen, Tagungen, Jubiläen und Informationsveranstaltungen, dass man eigentlich am liebsten ALLE absagen würde, die Decke über den Kopf ziehen und sich mal für ne kurze Weile ausklinken möchte. Genau zu diesem Zeitpunkt geige ich meinem inneren Schweinehund mal so richtig gehörig die Meinung, denn es war bisher immer so, dass sich gerade diese Veranstaltungsdichte als besonders effizient herausstellte. Gewinnbringend für meine Arbeit, welche aus vielen dieser Vorträge Energie und neue Impulse zieht.
In den letzten Monaten habe ich sehr viele Gespräche geführt und es kam immer das Thema fehlende Empathie und nicht mehr vorhandene Menschlichkeit zur Sprache.
Ärzte wären nicht mehr in der Lage sich Zeit zu nehmen, Therapeuten würden nicht verstehen, dass die Angehörigengespräche wichtig wären. Das Pflegepersonal in den Kliniken wirkt nur noch müde und abgespannt. Und während man diese Thematik korrespondiert, hebt sich der Zeigefinger zum mahnenden Ausdruck, dass die da oben doch nun endlich mal handeln müssten, bevor das Ganze noch gegen die Wand fährt und man überhaupt gar kein Gesundheitssystem mehr hätte.
Tief verstrickt in Konditionierungen, Symbiosen, Symptome und dysfunktionale Systeme, ruft die kleine Stimme nach Gehör und der Betroffene /Angehörige möchte sichtbar sein. Möchte, dass man versteht wie sich die geläuterte Seele fühlt.
Auch wenn ich dieses Wort nicht gerne nutze. In diesem speziellen Fall passt es dennoch so gut. ABER!!!
Aber es gibt sie, die Menschen, welche etwas bewegen, welche Räume schaffen für die Betroffenen und die Angehörigen, damit all die Fachkräfte spüren dürfen, dass es da Entlastung geben kann, dass sie nicht allein sind, dass man sie unterstützt, wenn sie es denn benötigen und/oder möchten.
Am 10./11. Oktober durfte ich und meine Stellvertreterin unseres Angehörigentreffs zu Gast sein in München bei der Landestagung des ApK Bayern e.V.


Wir durften den Worten von Prof. Dr. med. Josef Bäuml (ehemaliger leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München) lauschen.
Er machte in seiner sehr ergreifenden Rede am 10. Oktober anlässlich des Jubiläums (35 Jahre ApK Bayern e.V.) und in seinem Vortrag am 11. Oktober anlässlich der Landestagung des ApK sehr klar, wie wichtig es ist die Angehörigen psychisch Erkrankter in die Behandlung mit einzubeziehen. Er nannte sich selbst einen Angehörigenfan, und er würde zu gerne diesen Status noch vertiefen und zum Angehörigenultra werden, da er es als immer existenzieller sieht, dass die Familie/Partner Teil der Therapie werden.
Ein paar kurze Ausschnitte aus den Vorträgen vom 10./11. Oktober mit Stimmen aus dem Publikum:
„Angehörige täuschen sich kaum, unerfahrene oder ermüdete Profis hingegen immer öfter.“
„Wenn Angehörige sagen, es ist noch nicht soweit, dann ist es noch nicht soweit, denn die Angehörigen sind es, die die Erkrankten zuhause auffangen müssen. Angehörige sind die größte Rehaeinrichtung.“
„Wenn man Angehörige mit einbezieht und wertschätzt, kann aus Beschimpfung und Wut des Betroffenen, sehr schnell Entlastung und Verständnis für die Behandlung werden.“
„Wir können Schwerkranken nur helfen, wenn wir es schaffen die Angehörigen mit einzubeziehen.“
„In skandinavischen Ländern sind die Angehörigen per Gesetz ein fester Bestandteil der Therapie.“
„Was man nicht kennt, kann man auch nicht gut beurteilen. Screen Shot eines Augenblicks lässt oft falsche Schlüsse auf die Eltern/Partner etc. zu.“
„Angehörige müssen herzlich Willkommen sein und sollten niemals abgelehnt oder weggeschickt werden. Auch wenn sie zu einem ungünstigen Zeitpunkt auftauchen (Therapiesitzung oder Visite).“
„Es ist aber auch sehr wichtig den Ärzten und Therapeuten Empathie und Verständnis entgegenzubringen, denn auch sie befinden sich in einer Sandwich Situation.“


Ralf Bohnert vom Krisendienst Mittelfranken hielt neben des aufklärenden Beitrags von Anna Margin über Grenzen der familiären Hilfen und der Bedeutung professioneller Hilfen, sowie einer Podiumsdiskussion mit betroffenen Angehörigen über ihre Erfahrungen im Kliniksetting, einen sehr interaktiven Vortrag zu der Thematik, was tun wenn die Situation brenzlig wird? Wie kann ich zuhause deeskalieren, wenn der/die Betroffene in eine akute Krise schlittert.
Ihm war es sehr wichtig dem Publikum zu vermitteln, dass es auch oft hilft die eigene Sichtweise auf die Person, welche betroffen ist, zu verändern.
„Patienten sind oft in ihrem Bauplan der Seele empfindlich und verletzlich und dennoch sind es genau sie, welche so viel Talent und Kreativität in sich tragen.“
„Mit dem Gefühl etwas Besonderes zu sein, kann man besser durchhalten, als mit dem Gefühl abgeschoben zu werden.“
Es ist durchaus möglich, dass Angehörige trainieren können die betroffene Person aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, durch die Krankheit hindurch den Menschen dahinter wieder zu entdecken. Ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass die akute Phase auch wieder vorbei gehen wird.



Austausch über praktikable Anwendungstechniken, ein gegenseitiges Verständnis und viel Empathie für den jeweils Anderen erfährst du in den vielen Angehörigenselbsthilfegruppen bayernweit. Auch bei uns in Bayreuth. Nähere Infos dazu bei uns auf der Homepage.
http://www.gebo-med.de/unternehmen/kooperationen
Danke an all die wunderbaren Mitarbeiter des ApK Bayern e.V. An Charlie für seinen unermüdlichen Einsatz im Vorstand ebenso wie an Kaveh, Alexandra, Cordula und Sabrina für ihre hervorragende Organisation und Arbeit mit und für alle Angehörigen in Bayern.
Ein paar Tage später waren wir wieder unterwegs zum bayernweiten Austauschtreffen für ausgezeichnete Kliniken und solche die es werden möchten. Hier trafen Vertreter aus den Selbsthilfegruppen, Mitarbeiter der Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfebeauftragte der Gesundheitseinrichtungen zu einem sehr gut organisiertem Austauschtreffen aufeinander.


In kurzen Impulsvorträgen erklärte Ines Krahn vom Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen und Prof. Dr. Dominikus Bönsch, ärztlicher Direktor vom Bezirksklinikum Lohr am Main, warum es sich auf jeden Fall lohnt selbsthilfefreundlich zu werden, zu sein und zu bleiben.

Die Versorgung in Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe wird sichtbar menschlicher, wirksamer und verständlicher. Patienten wie Angehörige profitieren von mehr Transparenz, mehr Möglichkeiten einen Ansprechpartner für ihre Belange und somit eine zügigere Klärung für ihre Themen zu erhalten.
Anfragen verlaufen seltener ins Leere. Die Gesundheitseinrichtung ist in der Lage mehr Alternativen zu bieten und somit eine engmaschige Versorgung neben der professionellen Behandlung zunehmend mehr zu gewährleisten.
Nicht ohne Stolz können wir bei solchen Austauschtreffen feststellen, dass wir als Gesundheitseinrichtung in Bayreuth unsere Auszeichnung mit sehr viel wertvollen Inhalt füllen und dies auch oft als gut funktionierendes Beispiel lobend erwähnt wird. Wir bieten Informationsstunden auf den Stationen an, wir beherbergen allein in unserer Klinik fast 20 Selbsthilfegruppen. Wir kooperieren freundschaftlich und partnerschaftlich mit unserer Selbsthilfekontaktstelle, walken & talken einmal im Monat mit Patienten, SHGs Teilnehmern und allen Interessierten und wir bieten von dienstags bis freitags für unsere Angehörigen eine Ansprechmöglichkeit.
Danke liebe SEKO Bayern (Irena, Maria, Barbara, Stefanie u.v.m. ) liebe Ines Krahn vom Netzwerk und liebe Alex von der Selbsthilfekontaktstelle Bayreuth für euer unermüdliches Engagement, für eure unverzichtbare Arbeit und eure empathische Zusammenarbeit mit uns als Gesundheitseinrichtung.
Last but not least stand am Samstag dann unsere hauseigene Veranstaltung als Abschlussevent des vollgepackten Oktobers an. Unser Austausch- und Informationsnachmittag für Betroffene und Angehörige fand dieses Mal im Rahmen der Wochen für seelische Gesundheit statt und war ein rundum gelungener Nachmittag.



Wir durften 3 sehr tiefgehenden Impulsvorträgen unser Gehör und unsere Aufmerksamkeit schenken.
Bereits beim Austausch gegen Ende der Veranstaltung bekamen Referenten sowie wir als Veranstalter sehr emotionale Komplimente.
Nach Rücksprache darf ich ein paar Kommentare, welche mich bereits kurz nach Veranstaltungsende erreichten, hier teilen.
U.H. „Vielen Dank, dass du diese tolle Veranstaltung organisiert hast. Mein Kommen hat sich echt gelohnt! Der Vortrag über Diversität hätte viel mehr Zeit haben können. Da bräuchte es mal einen ganzen Tag. Umso eindrücklicher waren die beiden anderen Impulsvorträge. Und auch dein Thema der Symbolträger fand ich faszinierend. Da hat man ein „verhaltensauffälliges“ Kind und erkennt, was wirklich dahinter steckt. Danke nochmal!“
W.S. „Vielen Dank für diese wirklich gelungene Veranstaltung. Alle 3 Vorträge und dein kurzer mit dem Symptomträgern der Familie hat mich sehr beeindruckt. Ich habe noch lange darüber nachgedacht, als ich Zuhause war und mich ein bisschen selbst reflektiert. Jetzt geht es mir bedeutend besser.“
C.A. „Sehr beeindruckend fand ich den Vortrag über Essstörungen und Diversität. Berührt hat mich die Geschichte des empathischen Mannes über seine Sucht. Und danke dir für den Impuls über Symptomträger im Familiensystem. Eine wirklich sehr gelungene Veranstaltung.“
Auch unsere 3 Referenten ließen ein paar lobende Worte da:
Christian: „Euch allen vielen Dank für den wunderbaren Nachmittag. Es war super spannend euch zuzuhören und wir hatten einen so tollen Austausch. Ich fand die Veranstaltung sehr gelungen und total bereichernd.“

Bulli: „Vielen Dank, dass ich ein Teil von diesem Nachmittag ein durfte… auch vielen Dank an meine Mitredner….. tolle Menschen, die mir mit ihrer Authentizität gezeigt haben, dass ich auch Defizite habe, an denen ich arbeiten kann… und vielen Dank liebe Susi an dich… dass ich meine Batterien und meinen Akku bei euch und mit euch aufladen konnte.“

Sabrina: „Ich fand den ganzen Nachmittag wirklich sehr schön. Die Orga von dir Susanne war klasse, die Zuschauer waren so interessiert, so freundlich und die ganze Zeit voll dabei. Mit Christian und Bulli habt ihr so tolle Referenten eingeholt. Ich hätte beiden ewig zuhören können und es hat nicht nur meinen persönlichen Horizont erweitert, sondern auch meine Seele erfüllt. Danke hierfür.“

Vielen lieben Dank allen 3 Referenten für ihre Impulsvorträge, welche es geschafft haben die Aufmerksamkeit des Publikums zu keiner Sekunde zu verlieren.
Ich möchte ebenfalls abschließend zu diesem Beitrag allen Ehrenamtlichen, Kollegen, Patienten, Angehörigen, Betroffenen und all den wunderbaren Menschen, welche Interesse daran zeigen für andere da zu sein, ein offenes Ohr zu schenken oder andere Menschen in schweren Lebenskrisen nicht allein zu lassen einfach nur ein dickes DANKE sagen.
Wir lesen uns bald wieder.
Eure Sue Freund
