Zitat einer lieben Frau in einer unserer Gruppen. Ich hatte sie natürlich gefragt, ob ich sie zitieren darf. „Immer wenn in den ersten Zeitschriften, TV Reportagen oder Radiosendungen das Thema Stille Zeit angesprochen wird, beginnt bei mir im Kopf die Aufruhr.“
Mit Beginn des 11. Monats des Jahres beginnen sich Gespräche zu verändern. Die Menschen greifen nach ihren Masken und ein Stück Authentizität und Ehrlichkeit geht verloren. Es beginnt die Zeit der Kompromisse, der Zugeständnisse und die Zeit des Aufruhrs im Kopf und im Herzen. Oft geht es sogar so weit, dass schwere Erkrankungen auf Eis gelegt werden, nur um der Pflicht der „Heiligen Zeit“ gerecht zu werden.
Man reißt sich, wie man so schön sagt, dann halt mal zusammen. Die Ambivalenz Gespräch und Handlung wird deutlich sichtbar. Ich hatte in den letzten Tagen und Wochen viele Gespräche mit der Thematik Weihnachten, Feiertage und Vorweihnachtszeit. In diese Gedanken- und Gefühlswelt nehme ich euch nun mal ein Stück mit.
Ich weiß aus meiner langjährigen Erfahrung heraus, dass wirklich keine Krise für immer bleibt. Alles ist in Bewegung, alles verändert sich. Alles entwickelt sich. So durfte ich auch in den letzten Jahren mit Freude feststellen, dass viele Menschen, welche noch vor geraumer Zeit mit ihren Gedanken und Gefühlen schwer zu arbeiten hatten, tief in ihren Erkrankungen gefangen waren, mittlerweile zwar zaghaft aber mit Zuversicht wieder Glück und Freude leben können.
Für unseren Adventskalender haben wir uns mit Betroffenen, sowie Angehörigen unterhalten. Es mag für viele Menschen schwer zu greifen sein, dass man ein Fest auch zelebrieren kann, ohne dass alles perfekt ist. Viele Familien sind auch ohne Erkrankung durch Kontinente oder Ländergrenzen von einander getrennt.
Lasst uns eine kleine Reise machen, in Welten, welche vielleicht nicht perfekt, aber gerade deshalb umso liebenswerter und wertvoller sind.
Weihnachten mit und doch ohne unsere Tochter. Eine Realität, welche wir uns nie hätten vorstellen können und doch ist es nun schon im 2. Jahr Wirklichkeit.
Eine Mutter erzählt:
wir wissen noch nicht, ob wir Weihnachten mit unserer Tochter (14 Jahre alt) gemeinsam verbringen können. Sie lebt auf Grund ihrer Erkrankung (Borderline) in einer therapeutischen Wohngruppe. Das Konzept der Wohngruppe sieht Schließzeiten über die Weihnachtsfeiertage vor. Ebenso über Silvester. Im letzten Jahr hat diese Situation dazu geführt, dass unsere Tochter in dieser Zeit 10 Tage in der geschlossenen Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie verbringen musste, weil ein Nachhausekommen noch nicht möglich war. Ob in diesem Jahr etwas anders sein wird, wissen wir noch nicht. Wir hoffen, wir beten, wir träumen und dennoch wissen wir nicht, ob es gelingen wird. Was bleibt uns in dieser Situation? Offen zu sein für die Möglichkeit, die das Leben bietet. Vielleicht ein gemeinsamer Spaziergang aus der Klinik heraus, vielleicht ein gemeinsamer Kaffee an einem neutralen Ort. Möglicherweise doch eine Übernachtung zuhause oder ein Weihnachten komplett ohne unsere Tochter nur mit unserem Sohn (19 Jahre alt), der seine Schwester über alles liebt und den Omas und Opas, die die Situation überhaupt nicht verstehen oder begreifen können. Es ist alles möglich und nichts. Es gibt keine Sicherheit und kein Konzept. Leben bedeutet für uns mittlerweile, die Situation so zu nehmen wie sie ist. Und darauf zu vertrauen, dass sich alles irgendwann zum Guten fügen wird. Mit Liebe begleiten, so schwer es auch sein mag. Freiheit gewähren, damit der Wille wachsen kann und immer wieder zeigen, dass man da ist. Was immer auch passiert. Auffangen, sich und andere.
Eine Mutter erzählt:
Weihnachten werde ich das erste Mal ohne meine Tochter (12 Jahre alt) verbringen. Sie hat sich entschieden nach ihrem Klinikaufenthalt bei ihrem Alkoholabhängigen Vater zu sein. Ihre 4 Geschwister feiern deshalb ohne sie. Ich würde mir wünschen, wenn sie sich in den Feiertagen bei uns meldet. Erzwingen werde ich nichts. Es ist für alle Beteiligten so schon schwer zu ertragen.
Eine Ehefrau erzählt:
Dieses Jahr ist unser Heiligabend schon am 22. Dezember, da alle unsere Kinder bei ihren Schwiegereltern sind. Seit Jahren wichteln wir, also nur kleine Aufmerksamkeiten für einen kleinen Betrag. Jeder bringt etwas mit, ein gutes Getränk, ein Dessert, usw.. Das Weihnachtsessen ist dann schon fertig. Und das ist jedes Jahr so. Also kein Stress, keine Hektik. Nach dem Essen wird dann gespielt. So ist jeder vor allem auch mein Mann (Bipolar) entspannt. Für uns ist es einfach wichtig zusammen zu sein, welcher Weihnachtstag auch immer. Ich lebe seit 20 Jahren mit der Erkrankung meines Mannes und liebe ihn. Hab mein Leben darauf eingestellt und das ist gut so.
Eine Ehefrau erzählt:
Man sollte die Zeit so verbringen, wie man es für sich selbst möchte und nicht versuchen Erwartungen von außen zu erfüllen; sich selbst Raum geben, den man braucht um den eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dieses Jahr ist mein Mann (Depressionen) jetzt vor Weihnachten in der Klinik und wir wissen noch nicht wie lang und wie es ihm dann danach geht. Wir lassen es deshalb auf uns zukommen.
Eine Ehefrau und Mutter erzählt:
Durch die Erkrankungen mehrerer Familienmitglieder musste ich dieses Jahr die Reißleine ziehen um nicht selbst auch noch zu erkranken. Der Grad dahin ist sehr schmal geworden. Dadurch, dass bei den Betroffenen auch narzisstische Züge eine Rolle spielen, kann ich weder Verständnis noch Akzeptanz für mein Handeln erwarten. Das bedeutet für mich enorm viel Kraftreserven freizusetzen um selbst unbeschadet durch diese Zeit zu kommen. Es wird ein weiteres Jahr, in welchem ich meine Tochter (nicht behandelte PTBS und Anpassungsstörung) als solche schmerzlich vermissen werde.
Für heute lassen wir die Erzählungen unserer Betroffenen und Angehörigen mal so stehen, bedanken uns für die Offenheit und melden uns in ein paar Tagen mit Teil II.





