Heilsame Distanz – und mein unermüdlicher Glaube an die Hilfe zur Selbsthilfe

Dieser Post entstand am 01. Schultag nach den Sommerferien. Wahnsinn was für eine Erinnerung 🥹 2011 war mein Sohn 9 Jahre und fast 9 Monate und meine Tochter 16 Jahre und fast 6 Monate alt. Wir waren damals noch eine richtige Familie mit allen ups and downs, aber mehr ups als downs. Beide gingen noch zur Schule. Meine Tochter ins Gymnasium und mein Sohn in die Realschule. Mein Mann war selbständig und ich Teilzeit im selben Betrieb. Nebenbei absolvierte ich gerade mein Fernstudium Psychologie und Psychotherapie. Beide Kinder gingen ihren Hobbies nach und übten eine Sportart aus. Sie hatten Freunde und besuchten auch regelmäßig ihre Großeltern mütterlicherseits. Nach außen eine gutbürgerliche Familie wie von der „Gesellschaft“ gewünscht und akzeptiert. „Auf den ersten Blick“, nachfolgend auf die paar Sätze, welche ich gerade niederschrieb.

Mit wenigen Sätzen könnte ich das Bild, das sich dem Leser bisher darbot grundlegend verändern. Ich könnte Triggerpunkte setzen, könnte Emotionen hervorrufen, könnte Mitleid produzieren. Will ich das? Natürlich nicht. Würde ich die Zeit nochmal zurückdrehen um bei ein paar Abzweigungen andere Richtungen einzuschlagen. Ja aber nur mit dem Ziel für mich selbst genau dort anzukommen wo ich heute bin. Nur hätte ich gerne meine Tochter noch bei mir an meiner Seite, als das was ich mir nahezu täglich wünsche. My Best Buddy, mein Ebenbild, meine Vertraute. Ich habe sie verloren, an meine eigene Mutter. Es ist ok. In meinem Herzen ist sie jeden Tag in meinem Leben. In meinen Träumen sowieso. Ich habe oft trauernde Menschen mir gegenüber sitzen, welche keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern/Eltern/Geschwistern haben. Sie erzählen mir von ihren Träumen. Nennen sie oft Alpträume. Da sprechen wir dann oft sehr intensiv drüber und tauschen uns auch in unseren Gruppen aus. Kurze Zeit später können sie die Träume annehmen und freuen sich sogar so ihre ihnen verlorenen gegangenen Angehörigen oder Partner auf eine einfach nur andere Art und Weise noch bei sich zu haben.

Ich habe in den letzten 15 Jahren

lernen müssen

Loszulassen

Hilflosigkeit auszuhalten

Akzeptieren dass man in den Augen anderer einen falschen Weg geht auch wenn es für einen selbst der einzig richtige ist.

Liebe zu fühlen ohne diese zurück zu bekommen

lernen dürfen

Trotzdem mit sich selbst Frieden zu schließen

Sich trotz aller Gegenwehr selbst zu lieben

Sich anzunehmen so wie man ist

An sich selbst zu feilen ohne sich zu verbiegen

Die Gabe in sich zu finden welche einen selbst heilt und somit auch andere heilen helfen kann

Akzeptieren zu können dass man nicht auf alle Fragen eine Antwort bekommt und auch nicht braucht, denn oft erübrigt sich ohne eine Antwort auch zeitnah die Frage

Wir in einem steten Fluß von Wandel und Entwicklung leben, agieren, denken und fühlen

Ich habe seit 2011 oft schmerzhaft aber auch oft scherzhaft realisiert wie endlich und kurz unser Dasein auf dieser schönen Erde ist. Nichts ist für immer.

Nichts muss krampfhaft bestehen bleiben, weil eine Norm, eine Regel oder eine Historie es so sieht.

Familie ist keine Verpflichtung bis in den Tod. Sie kann ein Geschenk sein, eine Stütze, eine kraftgebende Quelle, unendlich viel Liebe, Geborgenheit und Verständnis. Schenkt sie dir das alles nicht ist es Zeit Abschied zu nehmen von einer Illusion, welche dich auf deinem Weg durch unsere kurze Lebenszeitspanne lähmt und verletzt.

Wut, Zorn, Ärger, Frust darf sein, aber nur als Situation, als Moment und nicht als dauerhafte Empfindung und Gefühl den Personen gegenüber.

Ich bin das was ich heute bin nur aus einem einzigen Grund geworden. Einem Grund, welcher mir bis zu meinem letzten Atemzug die Kraft des Lebens schenken wird. Der Grund ist simpel. Ich möchte jedem Menschen, welcher den mutigen Schritt von der Angst, der Unsicherheit in den Mut geht und sich für seine familiäre, berufliche oder schlichtweg eigene Lebensituation Hilfe sucht diese auch anbieten und ein Stück begleiten. Wertfrei und bedingungslos soweit wie es mir den Umständen entsprechend möglich ist. Jede Woche erlebe ich bei den meisten Angehörigen zuerst einmal Verzweiflung, Hilflosigkeit und Angst und durch meine langjährige Erfahrung weiß ich, dass dieser Zustand nicht für immer bleiben wird. Ich weiß, dass Situationen wieder anders werden. Ich weiß, dass Gefühle sich verändern, Ängste durch Gespräche, durch Austausch weniger werden. Oft benötigt es nur wenige Kontakte, ein paar liebevolle und offene Gespräche in der Gruppe oder auch im Einzel. Auch die Erkenntnis, dass einem die Gruppe oder das Gespräch mit einer bestimmten Person auch keine neue Erkenntnis bringt, kann Licht in das eigene Dunkel im Gedankenkarussell bringen.

Ich werde immer dem Motto treu bleiben, dass manchmal allein der erste Schritt schon ausschlaggebend für eine völlig neue Orientierung im eigenen Denken und Fühlen bringen kann. Es muss nicht immer die große Heilung, die Supernova der Gesundung in Lichtgeschwindigkeit oder der AHA Effekt sein, welcher Kraft und Energie für den Betroffenen oder Angehörigen bringt. Oft sind es die Begegnungen vor oder nach den Gruppentreffs mit einzelnen Teilnehmern, neue Kontakte durch Workshops oder Veranstaltungen. So viele kleine Rädchen fügen sich zusammen zu oft großen Lebensqualitätsverbesserungen. Jedes Gespräch, jeder Gruppentreff, ist wichtig, auch wenn er noch so klein und nichtig erscheint. Ist es nur für eine einzige Person eine Hilfe und Stütze hat sich jeder Aufwand gelohnt. Gruppen dürfen sich gründen, dürfen sich auch wieder auflösen, dürfen sich neu formieren. Alles darf, nichts muss. Es ist einzig und allein wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein. Man darf mal scheitern, falsche Abzweigungen nehmen, Dinge ausprobieren, welche sich nicht gut anfühlen. Das alles ist menschlich.

Ich werde oft gefragt, ob es für mich ok ist, wenn eine Gruppe nicht funktioniert, wenn sich Menschen ohne Verabschiedung nicht mehr blicken lassen, wenn sie es als nicht hilfreich empfunden haben an Gruppentreffen oder Gesprächen teilzunehmen. Das ist absolut ok. Manchmal passt es einfach nicht, manchmal helfen auch negative Impulse und Begegnungen um die eigene Situation mit neuen Augen zu betrachten. Wichtig ist, dass wir da sind, wenn man uns sucht, wenn man Bedarf hat. Das darf auch wieder aufflammen, wenn Situationen erst mal besser und nach ein paar Monaten oder Jahren wieder etwas schlechter werden.

Oft höre ich, dass schon allein das Wissen, dass man anrufen könnte, oder zur Gruppe gehen könnte, hilft, dass man sich der Situation gewachsen fühlt und somit mehr Kraft und Energie schöpft. Das ist der Vorteil der Selbsthilfe. Wir therapieren nicht, wir verpflichten nicht, wir gehen keine Verträge ein. Bei uns darf man sein, aber auch wieder gehen und irgendwann auch gerne wiederkommen.

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Autor: Sue Freund

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